Pragmatik

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Die Pragmatik ist neben der Phonologie, der Morphologie, der Syntax und der Semantik ein Kerngebiet der Sprachwissenschaft und beschäftigt sich mit den kontextabhängigen, nicht-wörtlichen Sprachhandlungen.



Untersuchungsgegenstand

Pragmatik ist die Lehre vom Sprechen als Handeln.


Sie beschäftigt sich demnach mit dem Sprachgebrauch in verschiedenen Kommunikationsituationen, der Wirkungsintention des Senders und der schließlichen Wirkung einer Äußerung auf den Empfänger. Neben der rein semantischen Form (Frage, Aufforderung usw.) werden hier auch Gestik, Mimik und Betonung mit in das Sprechen als Handeln eingebunden. Die Pragmatik beschäftigt sich also vor allem mit dem Verhältnis des Senders und Empfängers zur gebrauchten Sprache.

Um die Abrenzung zur Semantik zu schaffen, wird also die Untersuchung der nicht-wörtlichen, stark kontextabhängigen Äußerungen der Pragmatik zugeschrieben, während die reine, wörtliche Bedeutung von Äußerungen Gegenstand der Semantik ist.


Leicht zu verdeutlichen ist diese Abgrenzung an folgendem Beispiel:


"Die Tür ist offen!"


Semantische Interpretation: "Die Tür ist geöffnet." (rein wörtlich)

Pragmatische Interpretation: "Bitte schließe die Tür!" (als Aufforderung verstanden)

Untersuchungsmethodik

Um die nicht-wörtlichen, kontextabhängigen Teile von Äußerungen herauszufinden, werden in der Pragmatik verschiedende Funktionen der Sprache als Handlung unterschieden.


Bereiche der Pragmatik (nach Stephen C. Levinson, 1983)

1. Deixis:

Die Deixis beschäftigt sich mit der Zeigefunktion der Sprache und basiert auf der Verwendung der sogenannten Deiktika, die starke Kontextgebundenheit aufweisen.

2. Präsupposition:

Präsuppositionen sind die Wissensvorraussetzungen, die ein Empfänger haben muss, um eine bestimmte Äußerung in ihrer bestimmten, intentionalen Art und Weise zu verstehen.

3. Implikatur

Die Implikatur ist die pragmatische Schlussfolgerung, die der Empfänger aus der Äußerung des Senders ziehen kann bzw. soll.

4. Sprechakt

Durch den Sprechakt wird die Sprache als Handlung identifiziert und ihre Form festgelegt.

5. Konversationsstruktur

Über die Konversationsstruktur wird die Form und der Aufbau eines Gespräches analysiert.


Beispiel zur Verdeutlichung:


"Ich brauche keinen Butler, ich habe eine junge Frau"


Versucht man auf diesen Satz nun die fünf genannten Kriterien zur Untersuchung der pragmatischen Bedeutung der Äußerung anzuwenden, könnte man zu diesem Ergebnis kommen:


1.Deixis:

Das Deiktika "Ich" steht für den Sprecher und ist demnach stark kontextgebunden. Es identifiziert den Sprecher.

2.Präsupposition:

Der Empfänger muss, um diese Äußerung verstehen zu können, wissen, was die Aufgaben eines Butlers sind.

3.Implikatur:

Aus dieser Äußerung könnte der Empfänger ziehen, dass die junge Frau die Aufgaben des Butlers übernimmt und der Sprecher daher keinen Butler braucht.

4. Sprechakt:

Die Handlung des Sprechens wird in Form einer Behauptung vollzogen.

5. Konversationsstruktur:

Das System des Gesprächs ist kontextabhängig, es liegt allerdings die Vermutung nahe, dass es sich um eine Antwort auf eine Frage handelt, besipielsweise in der Form "Hast du einen Butler?"

Ziele

Durch die Pragmatik soll die korrekte Identifizierung der nicht-wörtlichen Sprachteile ermöglicht werden, um die kontextabhängigen Teile eines Äußerungsakts in ihrer Form kenntlich und interpretierbar zu machen.

Aufgrund der Interpretation von Äußerungen auf Basis der genannten, fünf Bereiche, setzt die Pragmatik sich zum Ziel, die Erkennung der wahren Intention(en) eines Senders zu ermöglichen.

Sind nun mehr oder weniger viele Menschen in der Rolle des Empfängers in der Lage, die Intentionen verschiedener Sprecher zu erkennen und auch die nicht-wörtlichen Teile seiner Äußerung zu identifizieren, so wird eine störungsfreie Kommunikation entwickelt. Um ebendiese zu ermöglichen, gibt die Pragmatik bestimmte Konversationsregeln vor.

Mit der Anwendung verschiedener, pragmatischer Regeln ist eine Entwicklung der pragmatischen Kompetenz verbunden. Die Kommunizierenden entwickeln ein Verständnis dafür, in welcher Situation welche Sprachebene zu verwenden ist.


Literatur

Austin, John L.: Zur Theorie der Sprechakte. 2.Aufl. Stuttgart 1979.


Grice, Herbert Paul: Logik und Konversation. In: Handlung, Kommunikation, Bedeutung. Hrsg. von Georg Meggle. Frankfurt am Main 1993, S.243-265.


Levinson, Stephen C.: Pragmatik. Tübingen 1990.


Meibauer, Jörg: Pragmatik. Eine Einführung. 2.Aufl. Tübingen 1999.


Searle, John R.: Sprechakte. Frankfurt am Main 1971.


Wunderlich, Dieter(Hrsg.): Linguistische Pragmatik. 2.Aufl. Wiesbaden 1975.


Quellen

Daheim, Cornelia; Feld, Susanne; Heising, Alexandra; Pflugmacher, Torsten: Alles, was Sie schon immer über Sprache wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Skript zum Grundkurs Linguistik. 9.Aufl. 2007.

Meibauer, Jörg: Pragmatik. Eine Einführung. 2.Aufl. Tübingen 1999.