Ferdinand de Saussure

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Kindheit/Jugend

Ferdinand de Saussure wird im Jahre 1875 als Sohn des Naturwissenschaftlers Henri de Saussure in Genf geboren und wächst in einer der ältesten und bekanntesten Gelehrtenfamilien in Genf auf.

Sein enormes Interesse an Sprachen prägt sich schon im frühen Kindesalter aus. Den Sprachen Französisch, Lateinisch, Deutsch und Englisch ist er bereits in einem Alter von zwölf Jahren mächtig.

In diesem Lebensabschnitt trifft Ferdinand de Saussure auf Adolph Pictet, einem Sprachhistoriker, welcher an der Genfer Universität lehrt. Durch dessen Werk „ Die Indoerupäischen Ursprünge“ steigert er Saussure`s Interesse an Sprache. Der Jugendliche hat bereits die Theorie eines „generellen Systems der Sprache“.

Trotz seiner linguistischen Begabung sind seine Eltern der Überzeugung, er wäre nicht reif genug für das Gymnasium, daher besucht er zunächst die Collège public. Im Jahre 1873 besucht er schließlich ein Genfer Gymnasium und studiert das Sanskrit.


Studium und Lehre

Anschließend beginnt er das Studium der Physik und der Chemie an der Universität in Genf. Dieser Richtungswechsel ist darin begründet, dass er seinem naturwissenschaftlich begabten Vater imponieren und sich ihm zuliebe von der Linguistik abwenden möchte. Jedoch lässt er von seiner Passion nicht ab und besucht zum einen parallel die Philosophische Fakultät und beginnt zum anderen sich erneut mit dem Griechischen und dem Lateinischen auseinanderzusetzen.

1875 verlegt der Schweizer Gelehrte nicht nur sein Studium nach Leipzig sondern wechselt zugleich den Studiengang und studiert unter anderem Altpersisch, Keltisch und vergleichende Sprachwissenschaften. Während dieser Zeit beschäftigt er sich intensiv mit dem ursprünglichen Vokalsystem des Indoeuropäischen und im Alter von 21 Jahren publiziert der Student eine wissenschaftliche Arbeit, die dies zum Gegenstand hatte. Darin beweist er, dass durch die Analyse des morphologischen Systems eine Rekonstruktion des phonetischen Systems durchaus möglich ist. Für Saussure ist es logisch zunächst bereits bestehende Sprachen zu analysieren, untereinander zu vergleichen, um anschließend eine Ursprache rekonstruieren zu können.

In den Jahren 1881 bis 1891 lehrt er nach seiner Promotion , durch seine Arbeit „"De l’emploi du génitif absolut en sanscrit", in Paris an der Universität École pratique des hautes études.


Beruflicher Werdegang

Ab 1891 bis 1913 hält er als Professor für Geschichte und indo-europäischen Spachvergleich Vorlesungen in Genf. Zudem lehrt er unter anderem Althochdeutsch, Gotisch, Altsächsisch, Altnordisch und Mittelhochdeutsch. Innerhalb dieses Zeitraumes gelingt Ferdinand de Saussure mit F. F. Fortunatov eine große Entdeckung im Bereich der Akzentlehre in den baltoslavischen Sprachen.

Im Jahre 1907 nimmt er den Lehrstuhl für die Allgemeine Sprachwissenschaft an. Die Vorlesung „Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft“ hält er von 1906 bis 1913 dreimal. Von enormer Bedeutung war diese, da Ferdinand de Saussure darin eine neue Sprachtheorie entwirft, die sowohl an die Konzeption der Kasaner Schule, als auch die des Linguisten W. D. Whitney anschließt.

Im Jahre 1913 stirbt Saussure im Schloss Vuffles auf Grund einer schweren Krankheit. Daher ist es ihm nicht mehr möglich den Inhalt des Vorlesungskurses zusammenzufassen und als Buch zu publizieren. Jedoch erscheint im Jahre 1916 durch eine Zusammenfassung der Vorlesungsmitschriften einiger Studenten das Werk „Cours de linguistique génerale". Ab diesem Zeitpunkt wird der „Cours“ in zahlreiche Sprachen übersetzt. In Deutschland erscheint das Werk 1931 unter dem Titel „Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft“. Das Werk bildet die Grundlage für eine, die in der Sprachwissenschaft neue Richtung des Strukturalismus des 20.Jahrhunderts.

Ferdinand de Saussaure ist mit den Thesen seiner Lehre nicht nur der Begründer der modernen Linguistik sondern auch der soziologischen Richtung in der Sprachwissenschaft. Philosophische Grundlage dafür ist die soziologische Lehre von Dürkheim. Die Existenz festgelegter Regeln ist für Ferdinand de Saussure sowohl Vorraussetzung als auch Bedingung für eine soziale Funktion von Sprache als Mittel der Kommunikation.

Theorien

Saussure hat eine Theorie zur Erklärung der Sprache entwickelt, welche auf drei Hauptaspekten beruht. Die menschliche Rede (langage) ist der Übergeordnete Begriff und umfasst das abstrakte System (langue) und die gesprochene Sprache (parole).


Saussure arbeitet in all seinen Theorien mit Dichotomien. Dabei handelt es sich um paare von gegensätzlichen Begriffen. Ein sehr typisches Merkmal für den Strukturalismus.


Laut Saussure ist das System der Sprache (langue) durch Übereinkünfte entstanden und somit ein soziales Produkt. Dieses Produkt hat auch eine individuelle Seite, die parole.

Die Linguistik soll sich mit der Erforschung der langue befschäftigen. Da die langue aber ein theoretisches System ist, benötig man auch die Seite der parole, als eine Art Zugang zu diesem System.

Da die langue, laut Saussure ein System von Zeichen ist, muss geklärt werden was genau ein Zeichen ist.

Signifiant und Signifie

Dies beschreibt er in seinem bilateralen/ zweiseitigen Zeichenmodell. (Es handelt sich nur um ein theoretisches Modell) Ein Zeichen definiert sich aus der Vorstellung und dem Lautbild. Auch hierzu gibt es passende französische Begriffe, welche der näheren Beschreibung dienen.


Signifiant ist das Bezeichnende, die Lautkette oder kurz gesagt der Ausdruck, mit der ein Vorstellungsbild also das Signifie assoziiert wird.


Beispiel:

Signifie (Vorstellung von einem Hund) Signifiant (Ausdruck /hund/)


Achtung: Es handelt sich bei Signifie nicht um einen echten Hund, sondern bloß um eine psychische Vorstellung, durch welche die Lautkette hervorgerufen wird.

Syntagmatisch und Paradigmatisch

Desweiteren definiert sich für Saussure ein Zeichen durch die Beziehungen die es zu anderen Zeichen eingeht. Dies bedeutet, dass es sich um ein System von Beziehungen handelt, also ein relationales System. Auch hier gibt es wieder ein paar gegensätzlicher Begriffe, welche helfen sollen das Modell besser zu verstehen.

Syntagmatisch und Paradigmatisch


Syntagmatisch beschreibt die Beziehung von Zeichen in einer linearen Abfolge, wie z.B. in einem Satz.

Beispiel: Die Menschen denken viel

Die Abfolge der Zeichen im Satz (lineare Abfolge) hat eine festgelegte Reihenfolge. Hier wird auch deutlich warum Saussure die Sprache als ein System bezeichnet. In der Syntagmatischen Dimension wird das Zusammenspiel der einzelnen Elemente hervorgehoben. Dies kennt man von den Satzgliedern Subjekt, Prädikat und Objekt. Das distinktive Prinzip, welches den Strukturalismus prägt weist darauf hin, dass sich ein Element nicht durch sich selbst definiert, sondern durch das was es nicht ist. Erst im Vergleich zu anderen Elementen und in der Untersuchung der Funktion wird es klar definiert. So ist z.B „gehen“, wenn es alleine steht ein Verb. Wenn es jedoch im Zusammenhang mit anderen Wortarten, in Satzgliedern erscheint „Ich gehe schnell zur Uni“ handelt es sich um das Prädikat.


Paradigmatisch hingegen beschreibt Saussure die Beziehung der Ersetzbarkeit in dieser linearen Abfolge. Man kann nun einzelne Elemente ersetzen.

Beispiel:


'Die Menschen denken nicht'

'Die Menschen denken wenig'

Diachronie und Synchronie

Auch in seiner Unterscheidung zweier sprachwissenschaftlicher Ansätze greift er auf diese Art der Abgrenzung zurück.


Saussure gilt als Begründer der modernen Sprachwissenschaft, da er sich erstmals radikal von der damals vertretenen historischen Sprachwissenschaft abwendet. Die historische Sprachwissenschaft folgt dem Prinzip der Diachronie. Diachronie betrachtet die Sprache in ihrem historischen Wandel, ein zu Saussures Zeit gängiges Verfahren.


Nun kam es jedoch zum Umbruch in der Linguistik, denn Saussure beschreibt nun eine zweite Möglichkeit der Betrachtung, die Synchronie, welche den Zustand einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt beschreibt. Ein wichtiges Argument für die Wichtigkeit der Synchronie ergibt sich für Saussure aus der Tatsache, dass man eine Sprache Diachronisch viel besser beschreiben kann, wenn man zuvor festgestellt hat wie die Sprache zu einem gewissen Zeitpunkt aussah.


Diachronie (Entwicklung der Sprache von 1900-1920)


1900 ---------------------------------------------------------------1920>




Synchronie (Zustand der Sprache im Jahr 1910)


1900------------------------------1910------------------------------1920>

Quellen

C.Daheim/A.Heising/S.Feld/T.Pflugmacher: Linguistic Laud Agency/Alles, was sie schon immer über Sprache wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. General and Theoretical, 2007. ISSN 1435-6473


Michael Schödlbauer: Psyche - Logos - Lesezirkel. 2000 Königshausen und Neumann Verlag

http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/saussure.html

"Ferdinand de Saussure zur Einführung",Ludwig Jäger

"Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft", Ferdinand de Saussure, Albert Riedlinger, Charles Bally, und Albert Sechehaye von Gruyter

Weiterführende Links und Literatur

http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/z/ZEICHEN%20nach%20Ferdinand%20de%20SAUSSURE.htm

http://fremdsprachige-literatur-weltliteratur.suite101.de/article.cfm/das_bilaterale_zeichen

http://www.hyperkommunikation.ch/personen/saussure.htm



"Einführung in die Schriftlinguistik", Christa Dürscheid

"Wissenschaft der Sprache", Ferdinand de Saussure, Ludwig Jäger